Multiaktorisches Training – Das salutogenetische Trainingskonzept

von Jürgen Woldt

Fitness Tribune Nr.149– Mai/Juni 2014 – Multiaktorisches Training – ein faszinierendes salutogenetisches Trainingskonzept

Er geschieht mit viel Energie, Kraft und Nachdruck: Der stetige Appell aller möglichen Gesundheitsaposteln an den Menschen, sich zu bewegen. Pack’s ani Zieh’s durch! Beweg dich! – Eine schlichte Ansage, die – oft verbunden mit gesundheitsbezogenen Mahnungen und Schreckenszenarien – den Menschen bewegen will, sich zu bewegen. Und nicht selten gehen viele dann erst recht ins Fitnessstudio. Sie wollen tunlichst Schlimmes vermeiden und schon gar nicht die Bewertung ihres Körperzustandes über Tests erfahren. Dass viele Kunden ihr Training im Sportstudio schnell wieder drangeben, ist bekannt. Keine Branche verzeichnet so grossen Kundenverlust im Jahr wie die Sportstudios. Sicher gibt es auch diejenigen wenigen, die dabei bleiben aus Angst, oder einfach im Glauben, ohne Gesundheitssport krank zu werden. Aber wäre es nicht grundsätzlich besser, wenn Menschen sich einfach aus Begeisterung und Freude bewegen würden, ohne primär etwas damit erreichen zu wollen?

Keine Leistung ohne Lust

Wer nur im Zeichen eines bestimmten Ziels und ohne intrinsische Motivation aktiv ist, erreicht dieses Ziel schwerer und hat im Allgemeinen schlechtere Erträge aus seiner Aktivität. Eine Stu- die mit Ratten, die sich durchaus auf den Menschen übertragen lässt, sei dazu beispielhaft kurz beschrieben. Dabei wurden Ratten, die aus eigenem Antrieb gerne im Hamsterrad laufen, überprüft und ihre körperlichen Parameter vermessen, also ihr Leistungspotenzial auf allen Ebenen. Die Ratten, die nicht gerne liefen, wurden zum Laufen gezwungen, und zwar mit der gleichen Intensität, mit der auch die laufbegeisterten Ratten freiwillig liefen. Das Ergebnis war bemerkenswert. Es gab kaum eine signifikante Leistungssteigerung bei den Ratten, die zum Lauf gezwungen worden waren. Scheinbar war der innere Wille hier ganz massgeblich für Erfolg oder Misserfolg. Die Bedeutung intrinsischer Motivation für Handlungserfolge ist inzwischen bekannt und wird an diesem Tierversuch-Beispiel deutlich. Die Schlussfolgerung daraus hingegen findet seltsamerweise immer noch viel zu wenig Beachtung nämlich, dass es ein lrrglaube ist, Bewegungsprogramme brächten grundsätzlich Erträge. Der Ertrag ist abhängig vom wirklich gefühlten Wunsch und Wollen an einer Hand- lung oder Sache. Ansonsten bleibt der Ertrag aus. Oder schlimmer noch: Der Ertrag ist Stress, weil Menschen unter Zwang und nicht aus Lust und Freude Sport treiben. In Bezug auf sportliches Training sollte daher der Aspekt intrinsischer Motivation unbedingt bedacht werden. Und da Lust und Freude an Bewegung eigentlich von Geburt an im Menschen angelegt sind, sollte der Frage nachgegangen werden, was getan werden kann, damit diese Lust im Menschen wieder geweckt wird und Bewegung wieder ganz von selbst aus Freude geschieht.

Die stärkste Bremse: Der Leistungsgedanke

Der Leistungsgedanke Dazu nützt vielleicht zunächst ein Blick auf das. was Bewegung verhindert. Bewegung. dieses so wesentliche Kriterium von Leben neben unserer Atmung, unserem Stoffwechsel und unserer Fortpflanzung, wird in unserer Sportbranche leider nur auf Leistungswachstum reduziert. Die damit verbundenen Vorgaben führen bei vielen Menschen eher dazu, sich von Bewegung ausgegrenzt zu fühlen. Bewegung heisst hier in der Bewegungs-Leistungswelt etwas zu können oder besser zu machen, sich zu messen und Ziele zu erreichen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Lust an Bewegung dadurch getrübt wird und Bewegung eher als Stress empfunden wird. Das natürliche Bewegungsbedürfnis wird ausgebremst. Sich einfach so aus Freude bewegen? In den heutigen Sportangeboten besiegt man Schweinehunde, wird schlanker oder stärker oder schneller! Dies ist der eine Grund. warum Menschen resignieren oder Bewegung eine Absage erteilen. Das verlorene Gefühl fur sich selbst Der andere Grund findet sich in einer weiteren Begebenheit: Die verlorene Selbstregulationsfähigkeit des Menschen. Aber was ist denn das nun genau? Und was hat die Selbstregulation mit Bewegung zu tun? Ganz einfach: Bewegung ist bei einem gesunden, zufriedenen und glücklichen Menschen ein sich von selbst regulierender Prozess. Forscher sprechen von der Fähigkeit der Selbstregulation, was bedeutet, durch Eigen- aktivität Bedingungen herzustellen, die in unterschiedlichen Lebensbereichen zu anhaltendem und immer wiederkehrendem Wohlbefinden führen. Solche Menschen fühlen sich sicher, erleben ihr Leben als sinnerfüllt, leben sehr gerne, erleben immer wieder Lustgefühle uncl sind hochmotiviert, sich persönlich weiterzuentwickeln. Eine im Jahr 2003 veröffentlichte Studie von Prof. Dr. Grossarth-Maticek’ weist auf das Fehlen der Selbstregulationsfähigkeit bei mehr als 80% der Menschen hin (Frauen 76%. Männer 84%). Dies wird als Ursache der Entwicklung von Krankheit und der fehlenden Möglichkeit, in den verschiedensten Situationen des Alltags Wohlbefinden zu erzeugen, Zufriedenheit und Lebensglück zu empfinden, angesehen. Eines ist sicher: Menschen die dieses Gefühl für sich selbst und ihre Selbstregulation verloren haben, können dies nicht ohne zusätzliche Aktionen von aussen wiederfinden.

Kraftquelle Natur und Bewegung

Welche Aktionen aber sind dies? Bereits 2001 hat Gesundheitsforscher Jürgen Woldt nach jahrzehntelanger Forschung diese Frage beantwortet mit einem Konzept, das die verlorene Selbstre- gulationsfähigkeit im Menschen wieder erweckt und mit dieser zusammen auch den natürlich und instrinsisch motivierten Antrieb zu Bewegung. Zentraler Bestandteil seines patentierten Konzepts, dem er den Namen BodySense gegeben hat, ist die Begegnung mit Natur sowie mit ganz bestimmten einem jeweiligen Naturbild zugeordneten Bewegungsmustern, welche der Trainierende ausführt oder sogar auch einfach nur betrachtet. Verschiedene Anwendungsbereiche und Richtungen sind daraus entstanden. Unter anderem auch das Multiaktorische Training, eine Trainingsmethode, die alleine für sich angewendet werden kann, die aber auch jeder anderen Methode durch ihre einzigartige Wirkung nützlich zur Seite steht.

Implementation des multiaktorischen Trainings in ein salutogenetisches Trainingskonzept

Multiaktorisches Training – das klingt spannend. Aber was passiert da genau? Was muss man tun? Welche Wirkung hat es? Was müssen Geräte-Hersteller dazu wissen und wie können Sportstu- dio-Betreiber es sinnvoll in ihre Anlagen integrieren? Und mit weichem Nutzen? Viele, viele Fragen. Die Antwort ist ein- fach. Das multiaktorische, salutogenetische Konzept kann jeder Hersteller von Geräten leicht in seine Geräte einpflegen. Dies geschieht mit Hilfe eines angebrachten Bildschirms, auf welchem die dem Gerät zugeordnete Naturdarstellung gezeigt wird sowie auch ein Bei- spiel der zugehörigen Bewegungsausführung, die dann auch der Trainierende an dem Gerät macht. Auch jeder Kursraum im Sportstudio kann mit multiaktorischem Equipment ausgestattet werden, und das auf ausgesprochen einfache Weise, da nur die entsprechenden Naturbilder installiert werden müssen. Den Bewegungsteil dazu übernehmen speziell ausgebildete lnstruktoren, welche den speziflschen Bewegungsinhalten eine ganz unterschiedliche Richtung geben können: von sanfter, meditativer Ausführung über tänzerisch-spielerische Bewegung bis zu Low und High Impact Trainings sind alle möglichen Varianten im Kursraum für jeden Geschmack durchführbar.

Leistung und Balance Hand in Hand

Multiaktorisches Training selbst ist einfach. Die Bewegungen folgen keinem Leistungsgedanken, sondern einer Leis- tungsoptimierung. Insofern geht multiaktorisches Training, wenn man mag, doch mit Leistung Hand in Hand. Da die Wirkung des spezifischen Zusammen- spiels von Natur und Bewegung auf den menschlichen Körper eine selbstregulierende Wirkung hat, die sich auf alle physiologischen Prozesse auswirkt und somit auch auf eine fliessendere muskuläre Balance werden, insbesondere im Leistungssport, bessere, fein getunte Ergebnisse möglich. Wer nicht leistungssportlich ambitioniert ist, profitiert ebenso. Denn die gestärkte Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstregulation erleichtert Training und verhindert Überbelastung. Die intrinsische Motivation und Begeisterung erwachsen dann ganz von selbst. Gesundheitssport ist nur dann gesund, wenn man ihn gerne und freiwillig macht. Hat man dies verstanden, wird klar, dass Gesundheit auch ohne leistungssportliches Training existieren kann, und dass es sogar die Mehrheit der Menschen ist, die sich auf diese Weise bewegen möchte. Warum also nicht diesen vielen Menschen in unseren Clubs einen Raum öffnen, der Respekt und Anerkennung all denen gegenüber bringt, die nicht ständig am inneren Schweinehund arbeiten wollen. sondern die einfach nur da sein und sich bewegen wollen nach ihrer Art und Weise, in der Häufigkeit, Intensität und Dauer, wie sie es wollen. Wollen wir also wertschätzen, wenn Menschen ein gutes Gefühl für sich selbst haben, wenn sie ihre Bewegungslust und Belastbarkeit selbst einschätzen können? Der Weg sollte wegführen von „notwendigem“ Messen von Körperwerten, lang-weiligen Basisprogrammen und autoritären Konzepten.

Menschen gute Selbsteinschätzung zutrauen

Um die Individualität und Bedürfnisse des Menschen noch besser heraus- zustellen, macht vielleicht auch eine Betrachtung in übergreifendem Zusammenhang Sinn. Machen wir einen kurzen Exkurs in die Arbeitswelt und hier zu einer Studie der Uni Kassel* zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Dort wurde herausgefunden, dass Massnahmen wie Betriebssport, gesunde Ernährung in der Kantine. Entspannungskurse und Ähnliches dem Menschen zwar gut tun, aber nicht nachhaltig und tief für die Betriebsgesundheit greifen. Das liegt daran, dass solche Angebote den Menschen nur symptombezogen, nicht aber emotional, das heisst bezüglich ihres Wunsches und Willens erreichen. Dies ist ver- gleichbar dem eingangs beschriebenen Sporttreiben aus Angst, sonst krank zu werden, und nicht aus Begeisterung und Lust. Das Fazit der Uni Kassel ist daher, dass Arbeitgeber den Mitarbeitern selbst überlassen sollen, welche Aktivitäten sie machen möchten, und dass sie ihnen dies zutrauen sollen. Menschen etwas zuzutrauen und ihnen Entscheidungen zu überlassen, ist ein wichtiges Ziel. Dazu ist es aber ebenso wichtig, dass sie sich selbst etwas zutrauen. Dies wiederum ist eng verknüpft mit der so wichtigen Fähigkeit zur Selbstregulation, aus der dieses Zutrauen, nämlich die Selbstwirksamkeit resultiert. Dann nämlich ist es ganz von alleine so, dass Menschen selber wissen, was sie wollen und können. Zu gegenwärtig ist noch der Wunsch des Menschen gesagt zu bekommen. was er tun soll. Ziel muss es sein, dass Menschen wissen, was sie wollen, und dass lediglich das Wie der Umsetzung ab und an einen Experten von aussen auf den Plan ruft. Dies ist der Fall, wenn sie ihr Gefühl für sich selbst wledergewonnen haben – wenn sie selbstwirksam sind.

 

Multiaktorisches Training – ein starkes salutogenetisches Konzept

Mit dem multiaktorischen Training unterstützen wir Menschen, ihre Selbstregulationsfähigkeit wiederzugewinnen, zu stärken und zu erhalten. Da die Selbstregulation letztlich eine natürliche Fähig- keit und Teil eines jeden Menschen ist. müssen wir hier nichts Neues erfinden. Wir müssen nur einen guten Weg kennen, auf dem es gelingt, dem Menschen diese Fähigkeit zurückzugeben, aus eigener Kraft zu agieren. Das Bewe- gungskonzept des multiaktorischen Trainings ist ein Weg, der dies kann. Für den Menschen ist dieses salutogenetische Konzept ein wertvolles Tool zu sich selbst, zu Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensglück. Für Sportanbieter und Gerätehersteller ist das multiaktorische Training ein innovatives Erfolgskonzept für mehr Effektivität und stärkere Kundenbindung.

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Quellen: ‘ Grosshardt-Malicek, R. (2003) Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Berlin: de Gruyter.

*Uni Kassel (2013). Zufriedenheit im Job ist beste Gesundheitsvorsorge.

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